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„Ungenutzte Potenziale“ der Migranten? Umstrittene Studie zur Lage der Integration vom Berlin Institut

von RSS-Feed Ibis - Institut für interdisziplinäre Beratung und interkulturelle Seminare
17.02.2009 - 17:19 Uhr - Politik & Gesellschaft

(prcenter.de) Das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat Anfang des neuen Jahres eine Studie zur Situation der Integration in Deutschland auf den Markt gebracht und damit Ende Januar kräftig Wellen in der integrationspolitischen Debatte geschlagen. Denn eines der Ergebnisse stellt fest, dass gerade türkischstämmige BürgerInnen in Deutschland die Gruppe mit dem höchsten Nachholbedarf in Sachen Integration sind, was sehr schnell sowohl die türkischen Verbände mit einer Abwehrhaltung wie auch diejenigen, die es ja sowieso schon immer gewusst haben, in die mediale Diskussion einsteigen ließ.

Dabei hat die Studie mehr zu bieten, als dies in dem stark auf die Gruppe der Türkischstämmigen fokussierten Mediendiskurs offensichtlich wurde. Insgesamt beschreibt „Ungenutzte Potenziale“ auf knapp 100 Seiten den Integrationsstand und -bedarf verschiedener Gruppen von Zuwanderern, die z.T. zum ersten Mal als eigene Gruppe erfasst wurden (Stichwort Aussiedler). Dabei werden in den 10 Kapiteln auch die vom Institut entwickelten Kriterien des IMI (Index zur Messung von Integration), eine Kosten/Nutzen Rechnung für Integration und Handlungsempfehlungen für die staatliche Integrationspolitik vorgestellt.

Nicht alle Ergebnisse der Studie lassen sich in Kürze präsentieren, aber zumindest einige sollten hier angerissen werden:

1. In der Studie wurden acht verschiedene Zuwanderergruppen untersucht, Aussiedler als größte Gruppe, Türkischstämmige, Migranten aus der EU25 ohne Südeuropa, Südeuropäer (Griechen, Italiener, Portugiesen, Spanier), Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien, Nahen Osten, Fernen Osten und Afrikaner.

2. Aussiedler haben in der Studie gute Integrationswerte; Faktoren seien hierfür ihr hoher Bildungsstand, das Zurechtfinden auf dem Arbeitsmarkt und die aktiven Bemühungen um gesellschaftliche Integration

3. Relativ gut schneiden in der Studie auch die Südeuropäer ab. Obwohl diese Gruppe zu einem Großteil aus ehemaligen Gastarbeitern mit niedrigen Bildungshintergrund und Nachkommen mit ebenfalls relativ niedrigen Bildungsqualifikationen bestehe, sei hier eine ausreichende Beschäftigung gegeben, wirtschaftliche und soziale Nischen seien gefunden worden.

4. Bei den Gruppen der Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei und Afrika seien die größten Integrationsmängel festzustellen. Hier spielen bei den Afrikanern und „Jugoslawen“ laut Studie die Startbedingungen als Flüchtlinge und Arbeitsmigranten, Asylsuchende und Menschen mit niedrigen Bildungsqualifikationen bzw. Abschlüssen, die in Deutschland nicht anerkannt werden, eine entscheidende Rolle.

5. Obwohl Türkischstämmige oft bereits lange im Land sind bzw. hier geboren wurden, sind sie nach Aussagen der Studie am schlechtesten integriert. Zum einen würden auch hier Gastarbeiterhintergrund und Bildungsdefizite mit hineinspielen. Zum anderen bleibe aber auch bei Jüngeren ein Bildungsdefizit. Eine Vermischung mit der deutschen Gesellschaft sei oft nicht notwendig, da es eine eigene Infrastruktur gebe und auch in Punkto Heiraten die Gruppe stark unter sich bleibe.

Die Ergebnisse der Studie sind teilweise neu, teilweise belegen sie auch nur, was seit Jahren bekannt ist — gerade was die Gruppe der Türkischstämmigen betrifft, trotz aller Vorsicht bei Pauschalurteilen. Aber es besteht auch berechtigte Kritik. Ob z.B alle relevanten Indikatoren geprüft wurden und einigen nicht ein zu hoher Wert zugestanden wurde. Ob Begriffe wie „Assimilation“ im Zusammenhang mit Integrationsindikatoren überhaupt angebracht sind. Ob Zahlen aus dem Mikrozensus 2005 als Grundlage einer Studie zur heutigen Situation im Bereich Integration tragbar sind (wobei fairerweise zu sagen ist, dass es keine neueren Zahlen gibt und sich viele Probleme nicht schlagartig in drei Jahren geändert haben). Erwähnenswert ist auch die klare Distanzierung der Geldgeber Vodafone Stiftung und Mercator Stiftung, mit dem Hinweis, die Darstellung sei weniger differenziert als plakativ. Seltsam jedoch, dass eine so grundsätzliche Distanzierung erst kurz vor der Veröffentlichung der Studie erfolgte. Hätte eine zu kritisierende Arbeitsweise in diesem Umfang nicht viel früher auffallen müssen? Oder spielen eher die Ergebnisse, die nun doch recht deutlich formuliert sind, in die Entscheidung?

Wie die Debatte um die Studie weitergeht, bleibt abzuwarten — der Februar präsentiert sich hier schon deutlich ruhiger. Trotzdem lohnt es sich auf jeden Fall, sich die Studie auf der Seite des Instituts herunterzuladen, sei es, um die Debatte zu nachzuvollziehen oder um sich selbst eine Meinung zu bilden.

Angaben zum Autor ( ):
Ĭbĭs – Institut für interdisziplinäre Beratung und interkulturelle Seminare
Patricia Jessen
Leitungsteam

Kaiser-Friedrich-Straße 1
40597 Düsseldorf

Fon +49 (0)211-6982226
Fax +49 (0)211-6982225

patricia.jessen@ibis-institut.de
www.ibis-institut.de
Ĭbĭs ist ein Institut für interdisziplinäre Beratung und interkulturelle Seminare. Unsere Dienste bieten wir GOs (z.B. Verwaltungen, Ministerien) und NGOs (z.B. freie Träger, Vereine) an. Im Bereich der interdisziplinären Beratung unterstützen wir Integrationsprozesse und Integrationsprojekte hinsichtlich der Konzeptionierung, der Antragsstellung, der Begleitung in der Umsetzungsphase (z.B. Moderationen, Konferenzen, Umfragen und Evaluationen) oder der Projektabwicklung (Controlling und Dokumentationen). Interkulturelle Seminare und Vorträge von Ĭbĭs umfassen ein breites Themenspektrum wie interkulturelle Kommunikation, interkulturellen Dialog, Migration und Migranten (z.B. Muslime in Deutschland oder Russlanddeutsche), spezifische Kulturen und Konflikte (z.B. Frau im Islam, Krisenregion Naher Osten).

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