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Helios-Verlag, K.-H. Pröhuber: Buchbesprechung »Reichskristallnacht« im Bulletin des Fritz Bauer Institut


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Helios-Verlag, K.-H. Pröhuber: Buchbesprechung »Reichskristallnacht« im Bulletin des Fritz Bauer Instituts »Einsicht 01«

von RSS-Feed Helios Verlags- und Buchvertriebsgesellschaft
06.07.2009 - 10:58 Uhr - Politik & Gesellschaft

(prcenter.de) Das Fritz Bauer Institut – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust ist eine Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Frankfurt am Main.

Novemberpogrome 1938


Eine regionalgeschichtlich orientierte Darstellung der Novemberpogrome stammt von Hans-Dieter Arntz, der bei der vorliegenden Dokumentation auf jahrzehntelange Forschungen in der Eifel und Voreifel zurückgreifen konnte. Seine sehr detaillierten Beschreibungen, die wesentlich auf Gerichtsakten und von ihm gesammelten Zeugenaussagen basieren, werden mit ausführlichen Beschreibungen der Geschichte von Münstereifel, Zülpich und Sinzenich, Euskirchen und Flamersheim, Weilerswist und Lommersum, Mechernich und Kommern, Kall, Gemünd, Hellenthal und Blumenthal verbunden.

Eingegangen wird auch auf die Lebenswege der jüdischen Bevölkerung nach den Pogromen - Deportationen in das Konzentrationslager Sachsenhausen und in den 1940er Jahren in die Vernichtungslager. In mehreren Fällen ist es Arntz gelungen, die Spuren von emigrierten bzw. geflüchteten Personen zu finden und deren Erinnerungen aufzuschreiben. Insgesamt gesehen hat Arntz auch eine regionale Geschichte des Judentums in der Eifel und Voreifel seit dem Mittelalter verfasst, welche Kontinuitäten des Antisemitismus aufweist. Die im Mittelpunkt der reichhaltig bebilderten und mit vielen Dokumenten angereicherten Darstellung stehenden Novemberpogrome 19384 beendeten das jüdische Leben in der Region.

Für die präzisen Beschreibungen der Pogrome konnten auch Unterlagen über 1938/39 durchgeführte Prozesse zum Beispiel wegen Diebstahl und Plünderungen herangezogen werden. Die strafrechtliche Verfolgung ab 1945 ging von anonymen Anzeigen bei einer Staatsanwaltschaft aus, von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (Münstereifel) oder von den ins Ausland geflüchteten Juden. Sehr auffällig sind die in den Aussagen und Gerichtsurteilen häufig auftauchenden »auswärtigen Randalierer« und »unbekannten Brandstifter« und die vielen an den »Judenaktionen« teilnehmenden Kinder und Jugendlichen.

Oft waren die Ausschreitungen brutaler als in vielen rheinischen Großstädten. In Mechernich zum Beispiel wurden mehr als zehn Häuser »systematisch zerstört und eingerissen« (S. 5). Der dafür verantwortliche NSDAP-Ortsgruppenleiter wurde nach 1945 freigesprochen, weil er angeblich aus baupolitischen Gründen gehandelt habe. Zu Recht kritisiert Arntz mehrfach die »manchmal nicht mehr nachvollziehbare Rechtsprechung« (S. 5). Auch im Fall der Zülpicher Synagoge soll die Brandlegung durch »auswärtige Horden« (S. 35) erfolgt sein, wobei »einheimische Fanatiker« (S. 34) dies vorbereiteten. Die nicht an den Ausschreitungen beteiligte Bevölkerung sah in der Regel zu. Eine Ausnahme ist der Sinzenicher Bauer Heukens, der mit einer Mistgabel in der Hand den Abtransport einer Mutter und deren Tochter verhinderte: »Wenn ihr die haben wollt, dann müsst ihr mich erst totschlagen.« (S. 33) Ärgerlich sind zahlreiche Wiederholungen, die vermutlich mit dem Kompilationscharakter des Bandes zu erklären sind. Zudem wird der Lesefluss durch Anonymisierungen der Täter gestört. Im Gegensatz dazu werden die vollen Namen der Verfolgten in der Regel genannt. In diesem Zusammenhang sei an die Kritik von Monika Richarz erinnert: »Die Beleuchtung der Opfer ermöglicht das Verdunkeln der Täter«. Irritationen haben auch die selbstreferentiellen Verweise ausgelöst, die ein Lektorat hätte verhindern müssen. Insgesamt gesehen ist das Buch äußerst informativ.

Kurt Schilde, Siegen

Hans-Dieter Arntz: »Reichskristallnacht«. Der Novemberpogrom 1938 auf dem Lande. Gerichtsakten und
Zeugenaussagen am Beispiel der Eifel und Voreifel
196 Seiten, fest gebunden mit Schutzumschlag, 280 Abbildungen, Format 23 x 28 cm, ISBN 978-3-938208-69-4

Angaben zum Autor
Helios
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Brückstraße 48
52080 Aachen

Telefon (02 41) 55 54 26
Telefax (02 41) 55 84 93

Der Helios-Verlag ist ein in Aachen ansässiger Fachbuchverlag und wurde 1913 gegründet. Übernommen wurde der Helios-Verlag Anfang der neunziger Jahre von Karl-Heinz Pröhuber, dem heutigen Geschäftsführer. Pröhuber, der politische Wissenschaften und Soziologie studierte, stammt aus einem deutsch-belgischen Elternhaus mit „linkem“ Hintergrund. Schwerpunkt der verlegerischen Arbeit ist die militärische Zeitgeschichte, Regionalliteratur, Literatur zum jüdischen Widerstand. Darüber hinaus gibt er auch Belletristik heraus. Derzeit werden die Werke von über 100 Autoren verlegt. Sein Vater, Karl Pröhuber, ein Mitbegründer der KPD (1919), befreundet mit K. Radek, aktive Teilnahme an der Münchener Räterepublik, war im 2. Weltkrieg Angehöriger eines Strafbataillons.

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